Wasser und seine Regulierung – Sinn einer Festung?

Wasser war und ist lebensnotwendig für das Entstehen und Gedeihen ganzer Zivilisationen.

„Während im Osten langsam die Sonne über die Ausläufer des Pambak-Gebirges klettert, quälen sich unsere Gefährte, die unter Gorbatschow schon bessere Tage gesehen haben, über die marode Piste entlang einer Hügelkette am Südrand der Shirak-Ebene. Der von Wasserläufen zerfurchte Weg zur Festung von Azatan wird durch die täglichen „Sabotage-Akte“ der einheimischen Bevölkerung nicht eben aufgewertet:

Allmorgendlich erfordert eine besonders ausgewaschene Wegstelle Baumaßnahmen der Busbesatzung, welche einen Damm aus Steinen in einem der Wasserläufe errichtet, um diesen ohne Achsenbruch queren zu können. Mit derselben Regelmäßigkeit lässt sich gegen 9.00 Uhr Ortszeit vom Grabungsplatz aus einer der „Saboteure“ beobachten, wie er sich mit seinem klapprigen Fahrrad unserem Damm nähert, die einzelnen Steine aus der Rinne wuchtet und sie so weit wie möglich fort schleudert, um dem Wasser freie Bahn zu seinen Kartoffelfeldern zu gewähren. Der Krieg um den Wasserlauf, der am späten Nachmittag auf dem Heimweg seine Fortsetzung findet, währt nach Ausweis archäologischer Befunde bereits seit 3000 Jahren.“

In den vergangenen zwei Kampagnen der Shirak-Expedition wurde die Festung Azatan als ein Beispiel der zyklopischen Festungen untersucht. Es wurde festgestellt, dass die Befestigungsanlage wahrscheinlich auf die mittlere Spätbronzezeit zurückgeht. Bislang konnte die Frage nach dem plötzlichen Auftauchen der zyklopischen Festungen am Beginn der Spätbronzezeit nicht hinreichend beantwortet werden. Die Untersuchungen in Azatan können hier möglicherweise richtungsweisend sein.

Wasser und seine Regulierung als Quelle des Lebens wurde zu allen Zeiten geschützt.

Blick von Jrapi auf den Achurjan

Der Niedergang einer Siedlung

Die Siedlung von Azatan reicht bis weit in die urartäische Zeit hinein. Dies gab uns die Möglichkeit, die Auswirkungen der Übergriffe seitens des Großreichs zu beobachten. So finden sich beispielsweise im Keramik-Repertoire Übernahmen aus urartäischer Tradition. Auf der anderen Seite führten die Ausfälle Urartus nach Norden, wie sie von den Inschriften von Marmashen und Hanak belegt werden, zu einem Niedergang der Siedlung.

Man wird annehmen müssen, dass auch hier Menschenraub, wie er in den Inschriften beschrieben wird, zur Entvölkerung führte. Nicht minder katastrophal dürfte der Raub von Rindern für die Bewohner von Azatan gewesen sein. Rinder bildeten damals – wie auch gelegentlich noch heute – die Lebensgrundlage. Nicht nur indem sie Milch und Fleisch lieferten, sondern auch als Lieferanten für Dung, welcher in den baumlosen Gegenden als Heizstoff diente. Ein anderer bislang wenig beachteter und untersuchter Faktor war der Einfall von Kimmerern und später Skythen aus dem Norden. Deren Übergriffe auf urartäische Burgen sind belegt. Auf ihrem Weg auf der Suche nach Beute müssen sie ebenfalls die Shirak-Ebene durchquert haben.

Wasser und seine Regulierung – Ein Hinweis auf den Sinn der Festung Azatan?

Die Zeit zwischen dem Ende Urartus und dem Aufstieg des Achämenidenreiches ist und bleibt ein Dunkles Zeitalter. Auch nach den bisherigen Untersuchungen von Azatan. Diese Lücke kann nur durch die Untersuchung durchgängiger Stratigraphien geschlossen werden. Hieraus ergibt sich ein Schwerpunkt zukünftiger Forschungen.

Wesentliche Ergebnisse erbrachten die Beobachtungen zum Siedlungsaufbau von Azatan. Der Fund zweier Sperrfesten für die Wasserregulierung gibt einen wesentlichen Hinweis auf den Sinn der Festungen. Diese kontrollierten über die Wasserzufuhr wesentliche landwirtschaftlich nutzbare Bereiche der Ebene. Dies macht sie zu Baudenkmälern des „Krieges“ um die Wasserläufe – eines „Krieges“, der bis heute fortdauert.

Kategorie Azatan, Grabungen 2011/2012

Dorothea Mauermann. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und dem Abitur mit Schwerpunkt Latein/ Alt- Griechisch, studierte ich ab 1999 an der MLU Halle- Wittenberg, der Ege-Üniversitesi Izmir und am RCAC Istanbul: Klassische und Prähistorische Archäologie, Alte Geschichte und Alt- Griechisch. Meine Verbindung zum Kleinen Kaukasus entstand bereits 2001/2 während unserer Grabungskampagnen in Ostgeorgien. Über 10 Jahre arbeitete ich an der kleinasiatischen Küste auf den Grabungen von Didyma und Tavsan Adasi. Seit 2011 betreue ich als Schnittleiterin in Azatan/Armenien die Feldarbeiten. Darüber hinaus promoviere ich zum Thema: "Münzprägungen persischer Granden an der kleinasiatischen Küste" und arbeite bei der Ev. Stadtmission Halle in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Sie können mich auch bei Facebook, Twitter und Google+ finden.

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