Die Shirak-Ebene im Wandel der Zeit

Im Wandel der Zeit war die Shirak-Ebene unterschiedlich stark besiedelt. Als Ergebnis unserer Grabungen ergibt sich nun das folgende Bild:

Paläolithikum – Frühe Siedlungsspuren in der Shirak-Ebene

Die frühesten Spuren menschlicher Anwesenheit führen bis in das Paläolithikum zurück. Funde von Werkzeugen in der Nähe der Obsidianquellen offenbaren den Grund ihrer Anwesenheit. Bis weit in die Neuzeit wurde das Rohmaterial genutzt, um Klingen für Messer, Sicheln oder Dreschschlitten daraus zu fertigen. Wann jedoch die ersten Bauern begannen, die hiesigen Obsidianlagerstätten für die Herstellung ihrer Ackergerätschaften zu nutzen, ist bislang nicht genau zu bestimmen.

Verbreitungskarten paläolithischer, mesolithischer und neolithischer Fundplätze lassen die Shirak- Ebene und die angrenzenden Gebiete, mit Ausnahme der Aragats-Region, immer noch als terra incognita erscheinen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass dies eher den derzeitigen Forschungsstand als die tatsächliche Besiedlung widerspiegelt.

Trotz allem bildet der Beginn der Bronzezeit eine wesentliche Zäsur im Siedlungsbild der Shirak-Ebene. Mit dem Aufkommen und der Vermittlung der Bronzetechnologie bildete sich der recht einheitliche Kulturkreis der Kura-Arax-Kultur heraus, welcher vom Kura-Tal in Aserbaidschan bis in die Gegend des heutigen Malatya (Türkei) reichte.

Funde von Bronzeäxten und typischer Keramik aus Gyumri, Keti und Karnut markieren die wesentlichen Fundstellen der Kura-Arax-Zeit in unserem Gebiet. Die Siedlungen dieser Epoche waren meist unbefestigt und lagen an Wasserläufen.

Mittlere Bronzezeit

Im Wandel der Zeit - Mittlere Bronzezeit

Mittlere Bronzezeit

Veränderungen der Mittleren Bronzezeit

Eine gravierender Wandel erfolgte zu Beginn der Mittleren Bronzezeit. Die zahlreichen, recht dicht beieinander liegenden Siedlungen wurden aufgegeben und hinterließen eine weitestgehend „leere“ Landschaft.

Wenngleich nur verschwindend wenige Siedlungen bekannt sind, so lassen doch die Grabausstattungen und die Lage der Kurgane Rückschlüsse auf die Gesellschaft der fortgeschrittenen Mittleren Bronzezeit zu. Die Fundplätze konzentrieren sich im Bereich von Erzlagerstätten und Transitwegen. Damit geben sie Auskunft über einen wesentlichen wirtschaftlichen Faktor der Trialeti-Kultur. Mit der weiten Verbreitung von Bronze stieg die Nachfrage nach Rohstoffen, insbesondere Kupfer, immens.

Die Verteilung der in prähistorischer Zeit erschlossenen Kupferlagerstätten zeigt, dass viele Gebiete, besonders die weiter südlich gelegenen Hochkulturen, auf den Import von Kupfer angewiesen waren. Dass es sich sowohl vom Handel mit Kupfer als auch von der Wegelagerei gut leben ließ, belegen Kurgane. Diese bargen große Bestattungshallen aus Holz und es führte eine gepflasterte Ritualstraße zu ihnen. Solche aufwändigen Prestigebauten verlangten freie Arbeitskräfte, welche von der Gemeinschaft mit versorgt wurden. Dies setzt eine gezielte Arbeitsteilung und -organisation voraus. Mit der Erbauung und Ausstattung der Kurgane wurde einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft ein Denkmal gesetzt. All diese Fakten sprechen dafür, dass wir es in der Mittleren Bronzezeit erstmals mit einer eindeutig stratifizierten Gesellschaft zu tun haben.

Es erklärt allerdings nicht, warum das dichte Siedlungsnetz der vorangegangenen Epoche fast vollständig zusammenbrach. Da das Keramikmaterial auffällige Unterschiede zu dem der Frühbronzezeit aufweist, wird gelegentlich vermutet, dass es sich bei den Trägern der Mittelbronzezeitkultur um neu eingewanderte Gruppen handelte, welche die Kura-Arax-Gemeinschaft zerstörten.

Da sich neben der Siedlungsverteilung eindeutige Unterschiede in der Subsistenz zeigen, werden auch Klimaveränderungen als mögliche Ursache in Erwägung gezogen. Die wirtschaftliche Basis der vorangegangenen Kura-Arax-Kultur war die Landwirtschaft, welche natürlich auf das Vorhandensein von Wasser angewiesen war. Schwankungen in der Niederschlagsmenge und in den Durchschnittstemperaturen können zu entsprechenden Ernteausfällen und zum Ende einer Gemeinschaft führen.

Späte Bronze- & Eisenzeit

Im Wandel der Zeit - Späte Eisenzeit

Späte Bronzezeit bis Späte Eisenzeit

Wandel in der Späten Bronze- und Eisenzeit

Wenngleich die vermeintliche Siedlungsleere der Shirak-Ebene in weiten Teilen der Mittleren Bronzezeit dem Stand der Forschung geschuldet ist, so erscheint die Ebene in den folgenden Epochen, der Späten Bronze- und Eisenzeit, nahezu überbevölkert.

Auf Hügelspornen und steilen Bergkuppen entstehen am Rand der Ebene so genannte zyklopische Festungen, welche bis heute gut erkennbar sind. Ihre Mauerringe sind zumeist aus riesigen, übermannsgroßen, unbehauenen Steinen errichtet. In engen Abständen umlagern sie die Shirak-Ebene wie Wachposten. Dieses plötzliche Auftauchen wirft verschiedene Fragen auf, welche die Kampagnen der Jahre 2011 und 2012 am Beispiel der Festung von Azatan zu klären versuchten.

Im ersten Jahrtausend kommt die Shirak-Ebene erstmalig direkt mit einer Großmacht, dem urartäischen Reich, in Berührung. Zwar gelingt es den Urartäern nicht, dauerhaft Fuß zu fassen, die Konsequenzen dürften allerdings nach Ausweis der Befunde für die Bewohner Azatans nicht erfreulich gewesen sein. Zur Blütezeit des urartäischen Staates verschärften sich nicht nur dessen Auseinandersetzungen mit dem südlichen Nachbarn Assyrien, es kam auch zu massiven Einfällen nomadischer Völkerschaften, der Kimmerer und der Skythen, in den Süden. Damit lag die Ebene nicht nur an der Peripherie des Großreichs und konnte auf diese Weise wohl keinen Schutz erwarten, vielmehr wurde sie zur „Pufferzone“ zwischen Nomaden und Sesshaften. Vermutlich war es diese ungünstige Konstellation, welche den befestigten Siedlungen ein Ende bereitete und das 7. und 6. Jh. v. Chr. zu den „Dark Ages“ Transkaukasiens machte.

Erst mit dem Aufstieg des Achämenidenreiches kehrte in der Region ein Wandel in Form eines langfristig gesicherter Friedens ein. Ob er der Siedlung Azatan ein erneutes Aufleben bescherte, war eine der wesentlichen Fragen unserer Untersuchungen.

Kategorie Allgemein

Dorothea Mauermann. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und dem Abitur mit Schwerpunkt Latein/ Alt- Griechisch, studierte ich ab 1999 an der MLU Halle- Wittenberg, der Ege-Üniversitesi Izmir und am RCAC Istanbul: Klassische und Prähistorische Archäologie, Alte Geschichte und Alt- Griechisch. Meine Verbindung zum Kleinen Kaukasus entstand bereits 2001/2 während unserer Grabungskampagnen in Ostgeorgien. Über 10 Jahre arbeitete ich an der kleinasiatischen Küste auf den Grabungen von Didyma und Tavsan Adasi. Seit 2011 betreue ich als Schnittleiterin in Azatan/Armenien die Feldarbeiten. Darüber hinaus promoviere ich zum Thema: "Münzprägungen persischer Granden an der kleinasiatischen Küste" und arbeite bei der Ev. Stadtmission Halle in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Sie können mich auch bei Facebook, Twitter und Google+ finden.

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