Nekropolen von Azatan – Versuch einer Übersicht

Nekropolen dienen uns nicht nur zur Beobachtung von Bestattungsbräuchen und Jenseitsvorstellungen. Da häufig Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit ins Grab gegeben wurden, können oft auch zeitliche Bezüge zu den Siedlungen der Bestatteten hergestellt werden.

Da neue Fundsituationen das Bild aber auch verändern, soll diese Übersicht vorerst als Versuch gelten.

Nördliche Nekropole (vormals Nekropole I)

Die nörliche der Nekropolen liegt im Norden der Siedlung in der Ebene und ist durch landwirtschaftliche Eingriffe massiv gestört. Hier wurden bereits 2008 durch das Landesmuseum der Provinz Shirak vier Gräber ausgegraben. Diese konnten durch die Grabbeigaben in die Frühe bis Mittlere Eisenzeit datiert werden. Somit entspricht die zeitliche Stellung der Nekropole jener der Westhang-Siedlung und der Plateau-Siedlung.

Östliche Nekropole (vormals Nekropole II)

Etwa 500 m östlich der Plateau-Siedlung befindet sich die östliche der Nekropolen, in der 2011 eine Notgrabung vorgenommen werden musste. Hier waren sechs Grablegen von Raubgräbern geplündert worden. Dabei handelt es sich um einfache Gruben, die mit großen Steinplatten abgedeckt waren. Diese waren von den Plünderern mit Brechstangen vom Grab geschoben worden, wie die Beraubungsspuren zeigten. Zertrümmerte Keramik und verstreute Knochen waren ihre Hinterlassenschaften. Nachgrabungen erbrachten in vier der Gräber allerdings noch datierbares Material. Aus Grab 2 stammen drei Knöpfe aus Blei, die wahrscheinlich auf einem Kleidungsstück oder ähnlichem aufgenäht waren. In Grab 3 hatten die Räuber fünf Stielpfeilspitzen übersehen. Diese sind aus solch dünnem Bronzeblech geschnitten, dass eine Verwendung im herkömmlichen Sinne auszuschließen ist. Vielmehr wird man davon ausgehen müssen, dass es sich um explizit für die Grablege hergestellte Mitgaben handelt.

Nekropolen: Zwischen Begräbnisritual und Pragmatismus

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Begräbnisrituale und Jenseitsvorstellungen der Zeit. Pfeilspitzen gehörten als Jagd- und Kriegswaffe zur männlichen Profession. Dass sie auch Kennzeichen der Männlichkeit und Prestigeobjekt waren, beweisen die funktionsfreien Blechpfeilspitzen, welche dem Toten nur noch als Symbol mitgegeben wurden Aufgrund ihrer lediglich semantische Funktion, wurden sie dann entsprechend material- und zeitsparend hergestellt.

 

Auch die Grabkeramik zeigt, im Vergleich zu der z.T. hochwertigen Keramik aus der Siedlung, dass man bezüglich der Beigaben eher sparsam war. Es handelt sich zumeist um grobe Töpfe und Schüsseln, die mit einfachen Ritzmustern verziert sind. Die Oberflächen sind oft nur einfach geglättet, sehr selten poliert. Offenbar wurden den Toten in den Gefäßen Speisen mitgegeben. Interessant ist allerdings ein so genanntes Siebgefäß. Diese Gefäße mit mehrfach durchlochtem Boden werden oft mit der Käseproduktion in Verbindung gebracht. Im Grabzusammenhang gefunden, könnten sie aber auch dem Abseihen des mitgegebenen Gerstenweins gedient haben. Allerdings bedarf es bezüglich der Grabbeigaben weiterführender naturwissenschaftlicher Untersuchungen.

Neben den bereits gestörten wurde auch ein ungeplündertes Grab geöffnet. Es bestand ebenfalls aus einer einfachen Grabgrube, welche von zwei großen Steinplatten bedeckt war. Das Grab war darüber hinaus von einem Cromlech aus kleineren Steinen umgeben und hatte einen Gesamtdurchmesser von 3,50 m. Das Skelett befand sich in rechter Hocklage und war nach Westen orientiert. Im Bereich des Kopfes wurden drei dunkelgrau-polierte Töpfe und drei Schalen gefunden. Vor dem Skelett lag ein stark korrodierter, länglicher Gegenstand mit einem bronzenen Ring. Hierbei könnte es sich um einen Dolch oder ein Messer gehandelt haben.

Südliche Nekropole (vormals Nekropole III)

Ein weiteres Indiz für einen zeitlichen Ansatz der Festung in die Spätbronzezeit stammt aus der südlichen der Nekropolen, welche sich oberhalb des südlichen Endes des Canyons befindet. Hier konnten drei Gräber untersucht werden. Grab 2 – bestehend aus einer Grabgrube, welche von einer Steinfassung umgeben war – enthielt offenbar die Bestattung eines kleinen Mädchens. Die Knochen hatten sich aufgrund des aggressiven Bodenmilieus nur schlecht erhalten, aber die Größe dreier bronzener Armreifen zeigt, dass es sich um die Bestattung eines Kindes gehandelt haben muss.

 

Darüber hinaus wurden zwölf bronzene Appliken, welche wahrscheinlich auf ein Kleidungsstück aufgenäht waren, sowie zwei Schläfenringe, ebenfalls aus Bronze, geborgen. Die beiden Schläfenringe mit einer angelöteten Schlangenverzierung waren offenbar durch ein bronzenes Kettchen verbunden. Sie sind typisch für Transkaukasien und wurden ebenfalls in Metsamor, Shirakavan, Artik und Gyumri gefunden. Zu den weiteren Grabbeigaben gehören 60 Perlen aus Bein, Achat und Stein, welche wahrscheinlich zusammen mit einem Anhänger aus schwarzem Stein eine Kette bildeten. Die mitgegebene, einfache graue Keramik – zwei Krüge und ein Topf – entsprechen dem Formenspektrum der mittleren Spätbronzezeit.

Kategorie Azatan, Grabungen 2011/2012, Nekropolen und Gräber

Dorothea Mauermann. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und dem Abitur mit Schwerpunkt Latein/ Alt- Griechisch, studierte ich ab 1999 an der MLU Halle- Wittenberg, der Ege-Üniversitesi Izmir und am RCAC Istanbul: Klassische und Prähistorische Archäologie, Alte Geschichte und Alt- Griechisch. Meine Verbindung zum Kleinen Kaukasus entstand bereits 2001/2 während unserer Grabungskampagnen in Ostgeorgien. Über 10 Jahre arbeitete ich an der kleinasiatischen Küste auf den Grabungen von Didyma und Tavsan Adasi. Seit 2011 betreue ich als Schnittleiterin in Azatan/Armenien die Feldarbeiten. Darüber hinaus promoviere ich zum Thema: "Münzprägungen persischer Granden an der kleinasiatischen Küste" und arbeite bei der Ev. Stadtmission Halle in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Sie können mich auch bei Facebook, Twitter und Google+ finden.

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