Unsere Grabungen in Armenien / Shirak-Ebene

Die mehr als 3000 Jahre alten Wurzeln des armenischen Volkes

Im nordwestlichen Armenien und den angrenzenden Gebieten der heutigen Türkei lassen sich einzigartige archäologische Zeugnisse einer über 3000 Jahre alten, faszinierenden Kultur fassen: Die, zunächst lokale, Gesellschaft, aus der das spätere armenische Volk erwächst.

Wie auch in historischen Zeiten, mussten sich die Menschen des westlichen Armenien und seiner angrenzenden Gebiete gegen militärische Expansionsversuche und kulturelle Überlagerungen behaupten. Eine entscheidende Rolle spielten hier die südlich angrenzenden Großreiche der Urartäer und Perser und die aus dem Norden einfallenden Reitervölker.

Trotz derartiger Auseinandersetzungen haben diese Menschen ihre ganz eigenen materiellen und ideellen Werte behauptet. Diese lassen sich nicht als primitiv abstempeln, sonder haben ihren ganz eigenen Stellenwert in der Geschichte Eurasiens.

Darüber hinaus beeinflussten sie auch die soziopolitische Struktur der südlicheren, sogenannten Hochkulturen. So zeigt das urartäische Reich der Eisenzeit in seiner politischen Organisation klare Bezüge zu Entwicklungen, die sich im westlichen Armenien schon am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, also um einiges früher, archäologisch fassen lassen.

Armenien: Grabbeigaben der Gräber II, III, V und VI der Nekropole II

Grabbeigaben der Gräber II, III, V und VI der Nekropole II

Grabung und Forschung in Armenien

Unser Ziel ist es – in engster Zusammenarbeit mit den armenischen Wissenschaftlern vor Ort – dieser lokalen Kultur den geschichtlichen Stellenwert einzuräumen, der ihr zusteht.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die archäologischen Zeugnisse in der Shirak-Region in den letzten fünf Jahren intensiv von unserem deutsch-armenischen Grabungsteam um Prof. Dr. Andreas Furtwängler und Hamazasp Khatchatryan erforscht. Dabei gelang es uns, herausragende archäologische Zeugnisse freizulegen und zu dokumentieren.

Beispielgebend seien hier genannt:

  • ein Kultkomplex mit klaren astronomischen Bezügen
  • frühe, komplexe Bewässerungssysteme
  • in ihren Beigaben einzigartige Grabkomplexe sowie
  • steinerne Großplastik, die sich deutlich von der zeitgleichen achämenidischen Großplastik abgrenzt. (siehe Achämenidenreich)

Weiterhin lassen sich im archäologischen Material Trink- und Trachtensitten fassen, die auf eine ganz eigene Ideenwelt verweisen.

…und wie geht es weiter?

Dennoch bleiben bislang viele Fragen ungeklärt, denen wir uns in den nächsten Jahren mit aktuellen Forschungsmethoden und naturwissenschaftliche Analysen verstärkt widmen wollen.

So sind die sozialen Strukturen innerhalb und zwischen den Siedlungen und der Festung Azatan zu klären und anthropologische Untersuchungen der Befunde der einzelnen Nekropolen durchzuführen.

In Bezug auf unsere Forschung stellt sich hier konkret die folgende Frage:

Inwieweit waren hierarchische Strukturen in dieser Gesellschaft entwickelt, oder war diese relativ egalitär organisiert?

Zum derzeitigen Zeitpunkt erscheint letztere Annahme als die Wahrscheinlichere. Sollte dieses Modell durch weitere Forschungen bestätigt werden, würde dies die kulturelle Eigenständigkeit des westlichen Armeniens hervorheben. So hätte das urarmenische Volk sein Wertesystem, das aufs Engste mit der Geografie dieses Landes verbunden ist, erfolgreich gegen die Wertevorstellungen der südlich angrenzenden Großreiche verteidigt.

Diese Ideale zeigen klare Bezüge zur heutigen Kultur des armenischen Volkes wie die Betonung von Gastfreundschaft, Familie, Religion und Heimat.

Und somit begänne die Geschichte des armenischen Volkes nicht erst mit den armenischen Königsdynastien, sondern wesentlich früher.

Eine darüber hinausgehend gesteckte Aufgabe ist die Intensivierung des wissenschaftlichen Austauschs. Insbesondere zwischen Forschern der jüngeren Generation und zwischen Europa und Armenien. Dieses Miteinander steht in einer langen Tradition und alle Seiten können davon in hohem Maße profitieren.

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