Antike Festungen der Shirak-Ebene

In der Siedlung Azatan untersuchen wir ein Phänomen, welches sich am Übergang der Mittleren zur Späten Bronzezeit in weiten Teilen Transkaukasiens beobachten lässt: Während die Kulturträger der Mittleren Bronzezeit nomadisch lebende Gesellschaften waren, zu deren Hinterlassenschaften große, reich ausgestattete Kurgane zählen, taucht am Beginn der Späten Bronzezeit die sogenannte zyklopischen Festungen auf, deren Mauern aus riesigen, unbehauenen Steinen bestehen. Die Untersuchungen unserer Grabungskampagnen zielten darauf, eine Erklärung für das plötzliche Auftauchen der Festungen und zugehörigen Siedlungen, welche oft in sehr geringem Abstand zueinander angelegt wurden, zu finden. Grundlegend für die damit einhergehende Veränderung des Siedlungsbildes und der Subsistenz dürften die Anlage und Kontrolle von Bewässerungssystemen gewesen sein.

Eine weitere Zäsur bildete der Aufstieg des Urartäer-Reiches, an dessen Peripherie die Shirak-Ebene lag. Inschriften und archäologische Zeugnisse zeigen welche Auswirkungen der Einfluss des Großreichs hatte. So lassen sich beispielsweise Übernahmen in der Keramikherstellung beobachten. Zeitgleich aber führten die Kriegszüge der Urartäer sowie Einfälle von Reitervölkern aus dem Norden zu einer Entvölkerung der Ebene.

Antike Festungen: Berg Aragats - Blick über die Shirak-Ebene

Berg Aragats – Blick über die Shirak-Ebene

Zyklopische Festungen: Die bewehrte Ebene

Wie sich zeigt, ist insgesamt recht wenig über den äußersten Nordwesten Armeniens bekannt. So reicht die zeitliche Einordnung der zyklopischen Festungen beispielsweise von spätbronzezeitlich bis urartäisch.

Sowohl die Mittelbronzezeit als auch die Spätbronzezeit haben große gemeinschaftliche Bauleistungen hinterlassen: die Kurgane und die Festungen. Die bislang entschlüsselbaren Intentionen hinter diesen Bauwerken könnten unterschiedlicher nicht sein. Dienten Erstere dem Personenkult um einen Toten, so erheben Zweitere den Anspruch, einer lebenden Gemeinschaft von Nutzen zu sein.

Wesentlich für das Verständnis der Intention zur Errichtung der Befestigungen ist deren Lage. Dienten sie der Sicherung von Verkehrswegen, zum Schutz der umwohnenden Bevölkerung, als Verteidigungsanlagen, als Gebietsmarkierungen oder Grenzfesten? Auch hier kann nur eine präzisere zeitliche Einordnung mithilfe von typologischen Merkmalen an Funden, aber auch Inschriften weiterhelfen. Nicht zuletzt liefert auch das Ende der zyklopischen Festungen Hinweise zum Verständnis des Phänomens.

Achämenidische Glockenbasis aus Benjamin

Achämenidische Glockenbasis aus Benjamin

Eine letzte, wesentliche Frage ergab sich aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Siedlung Benjamin (Drashkhanakert), welche aufgrund der dort gefundenen Glockenbasen eindeutig alsachämenidisch angesprochen werden kann.

Welche Auswirkungen hatte die Anlage dieses neuen Siedlungsplatzes auf das nah gelegene aber ältere Azatan?

War es das Ergebnis einer geplante und/oder angeordneten Zusammenlegung mehrerer Dörfer zu einer Stadt und wurde die alte Siedlung Azatan und Festung zu seinen Gunsten aufgegeben oder existierte sie weiter? Brachte die Errichtung des persischen Großreichs Veränderungen im Siedlungsmuster mit sich oder stützte es sich auf lokale, gewachsene Strukturen?

Kategorie Azatan

Dorothea Mauermann. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und dem Abitur mit Schwerpunkt Latein/ Alt- Griechisch, studierte ich ab 1999 an der MLU Halle- Wittenberg, der Ege-Üniversitesi Izmir und am RCAC Istanbul: Klassische und Prähistorische Archäologie, Alte Geschichte und Alt- Griechisch. Meine Verbindung zum Kleinen Kaukasus entstand bereits 2001/2 während unserer Grabungskampagnen in Ostgeorgien. Über 10 Jahre arbeitete ich an der kleinasiatischen Küste auf den Grabungen von Didyma und Tavsan Adasi. Seit 2011 betreue ich als Schnittleiterin in Azatan/Armenien die Feldarbeiten. Darüber hinaus promoviere ich zum Thema: "Münzprägungen persischer Granden an der kleinasiatischen Küste" und arbeite bei der Ev. Stadtmission Halle in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Als Archäologin gehöre ich zum Grabungsteam in Armeniens Shirak-Ebene. Sie können mich auch bei Facebook, Twitter und Google+ finden.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar

wpDiscuz